Stolpersteine für Staßfurt gehen in die zweite Runde

Bilder von der letzten Verlegung der Stolpersteine am 25. April:



 

Wie bereits bei der ersten Stolpersteinverlegung am 14. Oktober 2011 deutlich wurde, ist die Aufarbeitung der Schicksale von Nazi-Opfern in Staßfurt (und Leopoldshall) noch nicht beendet. Die Recherchen am Dr.-Frank-Gymnasium laufen weiterhin auf Hochtouren – dazu zählt auch die Kontaktaufnahme zu den Nachkommen der Menschen, die im Zeitraum von 1933 bis 1945 in Staßfurt bzw. Leopoldshall gewohnt haben und Opfer der Verfolgung im Dritten Reich wurden.

Im Rahmen des Projektes wird am 25. April die zweite Verlegung stattfinden, die von Schülerinnen und Schülern des Dr.-Frank-Gymnasiums und der Sekundarschule Am Tierpark vorbereitet wird (beide Schulen tragen den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“). Damit werden den bereits verlegten sieben Steinen in Staßfurt fünf weitere folgen.
Ein Gedenkstein wird für den jüdischen Arzt Hans Rieger verlegt. Am 17. Dezember 1871 in Dresden geboren, lebte er seit 1898 in Staßfurt. 1938 trifft Hans Rieger das Berufsverbot für jüdische Ärzte; im Januar 1939 wurde ihm fristlos die Wohnung gekündigt. Glücklicherweise überlebte die ganze Familie: Hans Rieger, seine Ehefrau Ella sowie sein Sohn Dr. Paul Rieger (ab 1935 bis zum Ende des Krieges nicht in Staßfurt) den NS-Terror – Hans Rieger allerdings kaum mehr als ein Jahr: Durch die Jahre der Verfolgung geschwächt und auch nach Kriegsende von der ärztlichen Standesorganisation im Stich gelassen, starb er am 18. Juni 1946. Vor seiner langjährigen Wohnung im Athenslebener Weg 5 soll nun an ihn erinnert werden.
Ein weiterer Stein dient dem Gedenken an den Gewerkschaftsfunktionär (Deutscher Metallarbeiterverband) und Stadtverordneten (von 1919 bis 1933) Hermann Otto Hampel. Otto Hampel wurde am 26. Juni 1888 in Staßfurt geboren. Der Vater von zwei Töchtern musste im März 1933 vor der SA aus Staßfurt flüchten; ab Mitte 1933 lebte er in Hamburg. Dort wurde er am 21. Februar 1935 von der Gestapo verhaftet und ins KZ Fuhlsbüttel gebracht. Man warf ihm vor, sich an einem reichsweiten illegalen Informationsnetz des DMV beteiligt zu haben. Am Morgen des 3. Mai 1935 wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden; er hatte sich das Leben genommen. Vor dem Haus Freytagstraße 5, wo Hampel zuletzt in Staßfurt wohnte, wird an den in seiner Heimatstadt bislang weitgehend vergessenen Gegner des Nationalsozialismus durch einen Stolperstein erinnert.
Die letzten drei Stolpersteine sind den Kindern der Kaufleute Max und Elsbeth Crohn gewidmet. Die Steine für Edit, Wilfriede und Siegbert Crohn werden neben den Stolpersteinen für ihre Eltern vor dem Haus Steinstraße 36 verlegt. Die jüngere Tochter Wilfriede wurde am 30. September 1915 in Staßfurt geboren. Sie heiratete am 5. Juni 1941 in Berlin Max Joseph Neumann. Von Berlin aus wird sie zusammen mit ihrem Ehemann am 3. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo beide Anfang März 1943 ermordet wurden. Wilfriedes Geschwister konnten diesem schrecklichen Schicksal durch Flucht aus Deutschland entgehen. Die ältere Tochter Edit, am 15. Oktober 1909 in Staßfurt geboren, erreichte Ende März 1939 gemeinsam mit ihrem Mann Hermann Jacks (aus Aschersleben) die USA. Dort starb sie im Alter von 95 Jahren. Ihr Bruder Siegbert, das jüngste Kind von Max und Elsbeth Crohn, wurde am 21. Oktober 1918 in Staßfurt geboren. 1938 gelang ihm die Flucht nach Argentinien. 1946 ging er mit Frau und!
Tochter in die USA. Im Jahre 2004 ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.
Am 25. April wird der Kölner Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine vor den genannten Häusern in die Gehwege einlassen. Die Verlegung beginnt um 15:30 Uhr im Athenslebener Weg (Nr. 5). Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, an der Verlegung teilzunehmen.

von Tu Anh NGUYEN